Hallo Du!
Nun habe ich Dir seit längerem nicht mehr geschrieben. Dafür gibt es sehr viele Gründe, oder wenn Du willst, eigentlich auch keinen einzigen. Denn es ist weniger die Zeit als oftmals die Priorität die über Machen und Nicht-Machen entscheidet. Und heute möhte ich meine Priorität setzen. Und schreibe Dir einen Brief…
Weisst Du, vieles fühlt sich in mir anders an als noch vor 9 Monaten. Ich konnte zu mir finden und einiges begreifen. Über das Menschsein, das Leben, Freundschaft und auch endlich über die Liebe. Denn ich musste es lernen, weil ich ansonsten hier nicht hätte durchhalten können und schon nach kurzer Zeit nach Deutschland zurückgekehrt wäre. Aber mein Dickkopf hat sich mal wieder durchgesetzt, und diesesmal wirklich zum Vorteil! So bin ich geblieben und habe meinen kleinen Durchbruch in diese Welt überstanden. Eine Welt, die mir oft sehr dunkel erschien. Blicke ich zurück, so muss ich da viele Schatten erkennen, nicht nur in Lima, sondern auch aus meiner Zeit in Wuppertal und dem was davor war: Unsicherheit, Angst, Trauer, Gier, Zweifel, Arroganz und letztendlich einfach viel zu viele Erwartungen an alle und alles. Wie oft ich mir selbst im Wege stande… und einen Strcik daruas geflochten habe. Natürlich sind diese kleinen netten und oft doch sehr hinderlichen Wesenszüge und Charkaterflusen nicht gänzlich verschwunden, aber ich habe sie erkannt und hoffentlich auch gelernt zu kontrollieren. Lima hat mich schockiert und Peru noch mehr als nur das. Denn dieses Land ist voller paradoxer Umstände. Und oft habe ich mich übermannt gefühlt. Denn wie Du weißt, neige ich dazu, mich in Details zu verlieren! Und dann falle ich… Aber spätestens dann, wenn man sich wie kurz vorm Untergang sieht, schaltet der Geist um, und zieht seinen letzten lebensrettenden Register. Und siehe da- mein Geist erkannte da noch andere Dinge… und ließ weitere Änderungen in mir zu… auf emotionaler, sozialer und kognitiver Ebene. Und dann schien auf einmal vieles so viel leichter und klarer: Ich konnte mich und das, was mich umbgibt mit neuen Augen kennenlernen und auf einen liebevolle Art zu schätzen beginnen. Peru lehrte mir die Bedeutung von Armut, Korruption und Hoffnungslosigkeit. Aber auch die Stärken eines Volkes und der Menschen, die es ausmacht. Tagtäglich begegne ich auf meiner Arbeit Kindern mit Kapazitäten, die einfach nicht entwickelt werden können. Denn es fehlt an finanziellen und logistischen Möglichkeiten und auch an den Personen, die die nötigen Werkzeuge dazu stellen könnnen. Peru schenkt mir einen weiteren wichtigen Schlüssel zu mir selbst. Denn vieles in mir schichtet sich um, erscheint mir wie aufgewacht, währemd das andere Dunkle sich endlich zu Ruh legt. Ich finde meinLachen wieder… Optimismus und auch die Glückseligkeit. Denn man lehrt mich zu lachen, wenn es zum Weinen nicht reicht. Zuoft habe ich mich mit Problemen befasst, die eigentlich gar keine waren; ich habe verstanden, dass wir alle in erster Linie Mensch und erst danach Individuum sind, und dass dies Geduld, Verständnis und Toleranz bedeutet, die letztendlich Freiheit im Geiste und im Herzen bewirkt. Ich habe für mich erkennen können, dass es nicht die Schwächen, sondern die Stärken sind, die man in den anderen und auch in sich suchen sollte. Und das der Weg nicht immer das Ziel sein muss. Nicht immer das “Wie” oder “Warum”, sondern auch manchmal einfach das “Was” ausreciht. Und naja… so vieles mehr von dem ich gerne schreiben würde… und es vielleicht auch irgendwann tun werde. Vorerst aber jedoch nicht.
Sehr glücklich bin ich. Denn ich erkenne, dass Glückseligkeit sich nicht in dem “Ummichrum”, sondern nur in dem „Inmirdrin“ finden lässt. Und da bin ich nun angelangt. In dem „Inmirdrin“, in dem “Michakzeptieren” und dem “Menschsein”. Davon abgesehen ist mein „Drumherum“ auch sehr bereichernd. Ich habe meine WG gewechselt und bin vor einem Monat in das Herz von Lima, Miraflores, umgezogen. Mit meinem Büchlein in der Hand esse ich mich von dem einen Caffee in das nächste… genieße die Vielzahl an kulturellen Angeboten und spannenden Persönlichkeiten, die sich durch die Strassen schleichen… spaziere entlang an dem brausenden Meer und lass die Beine aus dem Fenster meiner Wohnung mit Blick über die Stadt aus dem 7. Stockwerk baumeln. Ein frischer Wind zieht um die Häuserblöcke, und früher nun setzt sich die Sonne über maroden Häusern ab, denn ein kühler Winter naht. Und mit ihm der Nebel und der tagtäglich bedeckte graue Himmel, der mich immer so gemütlich stimmt. Auch wenn sowohl meine Praktikumsstelle, als auch meine Universität eine gute Stunde Fahrt durch unglaublich lauten, chaotischen sowie scheinbar gefährlichen Verkehr bedeutet, befindet sich davon abgesehen alles andere in 10 minütiger und durchaus begehbarer Entfernung.
Es ist so unerträglich schön hier. Auch das klingt paradox. Trifft das Leben in Peru dennoch recht gut. Ein Umstand der mir die Rückkehr im Oktober 2008 nun wirklich nicht erleichtert. Aber es wäre ja auch zu schade, wenn dem nicht so wäre, findest Du nicht? Hm… und wenn dieser Gednake mich dann kreuzt, denke ich einfach an Dich und einige andere kleine nette Menschlein und Momente aus dem fernen Deutschland… an das Wohnen in Köln und seine lauen Nächte… das letzte von 5 spannenden Jahren in meinem Studium… den Regen…. den Schnee… das Wandern durch Grün… die Tage am See…. die Glückseligkeit der Freundschaft und bestimmt auch irgendwann wieder an die mir allesbringende und einzig wahre Welt der Liebe.
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So verabschiede ich mich von Dir
und wünsche mir, dass auch Du wohlauf bist.
Einen sonnigen Gruß aus meiner zweiten wundervollen peruanischen Heimat,
die ich so gerne Lima nenne.
Alles Liebe,
Dein Nicholas
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p.s. Mein Postfach:
Nicholas Bellafiore
Alcanfores 565, Dpt. 702
Lima, 18
Peru