Archive for May, 2008

P:eru und…

May 28, 2008

lese dazu hier:

Das Danach (Erdbeben Lima 2007)

May 15, 2008

(…) Es nieselt leicht in dieser merklich kalten Winternacht. Rötlich legt sich ein trauernder Schimmer über die kargen Dächer und Terrassen dieser Stadt. Können wir diese karge Unruhe beruhigen? Amaru (unsere Wohngemeinschaft) weiss es nicht. Dennoch: nächstes Wochenende wollen wir Hilfe leisten. In Pisco. Es muss gebaut werden. Haus und Geist lassen nicht auf sich warten. Ruhe soll ihren Platz wieder finden! (16. August, 2007, Erdbeben)”

Brief an einen Freund

May 13, 2008

Hallo Du!

Nun habe ich Dir seit längerem nicht mehr geschrieben. Dafür gibt es sehr viele Gründe, oder wenn Du willst, eigentlich auch keinen einzigen. Denn es ist weniger die Zeit als oftmals die Priorität die über Machen und Nicht-Machen entscheidet. Und heute möhte ich meine Priorität setzen. Und schreibe Dir einen Brief…

Weisst Du, vieles fühlt sich in mir anders an als noch vor 9 Monaten. Ich konnte zu mir finden und einiges begreifen. Über das Menschsein, das Leben, Freundschaft und auch endlich über die Liebe. Denn ich musste es lernen, weil ich ansonsten hier nicht hätte durchhalten können und schon nach kurzer Zeit nach Deutschland zurückgekehrt wäre. Aber mein Dickkopf hat sich mal wieder durchgesetzt, und diesesmal wirklich zum Vorteil! So bin ich geblieben und habe meinen kleinen Durchbruch in diese Welt überstanden. Eine Welt, die mir oft sehr dunkel erschien. Blicke ich zurück, so muss ich da viele Schatten erkennen, nicht nur in Lima, sondern auch aus meiner Zeit in Wuppertal und dem was davor war: Unsicherheit, Angst, Trauer, Gier, Zweifel, Arroganz und letztendlich einfach viel zu viele Erwartungen an alle und alles. Wie oft ich mir selbst im Wege stande… und einen Strcik daruas geflochten habe. Natürlich sind diese kleinen netten und oft doch sehr hinderlichen Wesenszüge und Charkaterflusen nicht gänzlich verschwunden, aber ich habe sie erkannt und hoffentlich auch gelernt zu kontrollieren. Lima hat mich schockiert und Peru noch mehr als nur das. Denn dieses Land ist voller paradoxer Umstände. Und oft habe ich mich übermannt gefühlt. Denn wie Du weißt, neige ich dazu, mich in Details zu verlieren! Und dann falle ich… Aber spätestens dann, wenn man sich wie kurz vorm Untergang sieht, schaltet der Geist um, und zieht seinen letzten lebensrettenden Register. Und siehe da- mein Geist erkannte da noch andere Dinge… und ließ weitere Änderungen in mir zu… auf emotionaler, sozialer und kognitiver Ebene. Und dann schien auf einmal vieles so viel leichter und klarer: Ich konnte mich und das, was mich umbgibt mit neuen Augen kennenlernen und auf einen liebevolle Art zu schätzen beginnen. Peru lehrte mir die Bedeutung von Armut, Korruption und Hoffnungslosigkeit. Aber auch die Stärken eines Volkes und der Menschen, die es ausmacht. Tagtäglich begegne ich auf meiner Arbeit Kindern mit Kapazitäten, die einfach nicht entwickelt werden können. Denn es fehlt an finanziellen und logistischen Möglichkeiten und auch an den Personen, die die nötigen Werkzeuge dazu stellen könnnen. Peru schenkt mir einen weiteren wichtigen Schlüssel zu mir selbst. Denn vieles in mir schichtet sich um, erscheint mir wie aufgewacht, währemd das andere Dunkle sich endlich zu Ruh legt. Ich finde meinLachen wieder… Optimismus und auch die Glückseligkeit. Denn man lehrt mich zu lachen, wenn es zum Weinen nicht reicht. Zuoft habe ich mich mit Problemen befasst, die eigentlich gar keine waren; ich habe verstanden, dass wir alle in erster Linie Mensch und erst danach Individuum sind, und dass dies Geduld, Verständnis und Toleranz bedeutet, die letztendlich Freiheit im Geiste und im Herzen bewirkt. Ich habe für mich erkennen können, dass es nicht die Schwächen, sondern die Stärken sind, die man in den anderen und auch in sich suchen sollte. Und das der Weg nicht immer das Ziel sein muss. Nicht immer das “Wie” oder “Warum”, sondern auch manchmal einfach das “Was” ausreciht. Und naja… so vieles mehr von dem ich gerne schreiben würde… und es vielleicht auch irgendwann tun werde. Vorerst aber jedoch nicht.

Sehr glücklich bin ich. Denn ich erkenne, dass Glückseligkeit sich nicht in dem “Ummichrum”, sondern nur in dem „Inmirdrin“ finden lässt. Und da bin ich nun angelangt. In dem „Inmirdrin“, in dem “Michakzeptieren” und dem “Menschsein”. Davon abgesehen ist mein „Drumherum“ auch sehr bereichernd. Ich habe meine WG gewechselt und bin vor einem Monat in das Herz von Lima, Miraflores, umgezogen. Mit meinem Büchlein in der Hand esse ich mich von dem einen Caffee in das nächste… genieße die Vielzahl an kulturellen Angeboten und spannenden Persönlichkeiten, die sich durch die Strassen schleichen… spaziere entlang an dem brausenden Meer und lass die Beine aus dem Fenster meiner Wohnung mit Blick über die Stadt aus dem 7. Stockwerk baumeln. Ein frischer Wind zieht um die Häuserblöcke, und früher nun setzt sich die Sonne über maroden Häusern ab, denn ein kühler Winter naht. Und mit ihm der Nebel und der tagtäglich bedeckte graue Himmel, der mich immer so gemütlich stimmt. Auch wenn sowohl meine Praktikumsstelle, als auch meine Universität eine gute Stunde Fahrt durch unglaublich lauten, chaotischen sowie scheinbar gefährlichen Verkehr bedeutet, befindet sich davon abgesehen alles andere in 10 minütiger und durchaus begehbarer Entfernung.

Es ist so unerträglich schön hier. Auch das klingt paradox. Trifft das Leben in Peru dennoch recht gut. Ein Umstand der mir die Rückkehr im Oktober 2008 nun wirklich nicht erleichtert. Aber es wäre ja auch zu schade, wenn dem nicht so wäre, findest Du nicht? Hm… und wenn dieser Gednake mich dann kreuzt, denke ich einfach an Dich und einige andere kleine nette Menschlein und Momente aus dem fernen Deutschland… an das Wohnen in Köln und seine lauen Nächte… das letzte von 5 spannenden Jahren in meinem Studium… den Regen…. den Schnee… das Wandern durch Grün… die Tage am See…. die Glückseligkeit der Freundschaft und bestimmt auch irgendwann wieder an die mir allesbringende und einzig wahre Welt der Liebe.

.

So verabschiede ich mich von Dir

und wünsche mir, dass auch Du wohlauf bist.

Einen sonnigen Gruß aus meiner zweiten wundervollen peruanischen Heimat,

die ich so gerne Lima nenne.

Alles Liebe,

Dein Nicholas

.

.

p.s. Mein Postfach:

Nicholas Bellafiore

Alcanfores 565, Dpt. 702

Lima, 18

Peru

Gesichterlos (Der Mann ohne Gesicht) (Teil2)

May 7, 2008

Der Rastplatz lässt einen eher verschwommenen Eindruck in mir zurück. Zu wirr sind all diese Eindrücke, die ich hier in Peru machen darf. “Machen darf” wirkt übertrieben. Nicht so recht freiwillig, sondern eher erzwungen drängen sie sich meinem Bewusstsein auf. Unfrei fühlt sich das an. Von “Wollen” darf da nicht die Rede sein. Und so werde ich immer wieder von Neuem mit einer Unfähigkeit konfrontiert, denn unsere größten Stärken, sind auch unsere größten Schwächen: Wie schaffe ich es also, Details wahrzunehmen, und sie dennoch kontrolliert auszublenden, um nicht unter ihnen leiden zu müssen?

Dieser unglaubliche Lärm des Fernsehers, lässt meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Es wird wohl gegen 1.00 Uhr morgens sein in diesem Bus aus Unruhe, denn zu widersprüchlich erscheint mir diese Nacht. Dann noch dieses dezent dumpfe, jedoch durchaus penetrante Klopfen unterhalb meiner Füße. Schläge, wohl eher die kleinen kindlichen Hiebe einer verzweifelten und bald letzten Geschichte, die sich latent, kaum hörbar, aber dennoch spürbar langsam in mein Bewusstsein mogelt. Tock… tock… tock… tock… anfangs noch wie aus der Ferne, taumelt sich das Pochen in mich hinein… und langsam… ganz langsam senden kleine Neurone elektrische Impulse verdrängter Bilder in meine Gegenwart. Erinnerung. Da bist Du ja wieder. Hatte ich Dir nicht dringlichst empfohlen, zu ruhen… denn ganz schnell geht das und sticht mich dann irgendwo… tief… kalt… in Herz und auch Magen: Erinnerungen, an Momente, die ich noch nicht so recht sehen mag, weil mein deutsches Gedankengut es nicht zulassen und mich dadurch schützen möchte. Doch hier, in dieser 3. Welt, werde ich dazu angehalten vieles lernen zu müssen: Unter anderem Selektion, Ignoranz und Verdrängung.

Dieser, für meine weitere emotionale Entwicklung, entscheidende und wichtige Schritt wird von einer neuen Wahrheit ergriffen. So nah, dass ich sie als Teil meiner selbst sehe: Mein Körper verstummt, Augen bleiben unverschlossen, wie gelähmt blicken sie gebannt. Ich blicke mit ihnen. Hinaus. Aus meinem Fenster. Beschlagen. Doch ich sehe. Zu Boden. Erstreckt. Eine Körper. Leblos. Dann nennt man es Leiche? Oder vielleicht doch noch lebendig? Die Warnlichter eines kleinen Ladewagens blinken rhythmisch auf und ab… 4 Männer, die ungeschickt versuchen die Extremitäten eines leblosen Körpers so zu greifen, dass er beim Aufheben nicht immer wieder so feste und echt zu Boden schlagen muss. Ihre ersten Versuche bleiben erfolgslos, so dass sich das Schauspiel von vorne wiederholt. Das Blut unter ihren Schuhen tritt sich fest. Denn es liegt einfach da… so wie einst auch er: Wohl 40 Jahre alt, weißes Hemd, dunkle Haut, dunkles Haar, jetzt rötlich, ein nicht erkennbares Gesicht, weil… zertrümmert. Weiter blicke ich und verliere Worte, nicht aber ihre Gedanken. Keine Menschenseele weit und breit: Obwohl so viele Körper, so viele Behälter, spüre ich nur Leere… sehe keine Seelen… nur ich, der Bus, seine schläfrigen Insassen, 4 Lebende, ein Toter, der Ladewagen, blinkende Lichter und eine Geistergeschichte… die des Mannes ohne Gesicht. Darf ich Dir das Meinige schenken? In Deutschland finde ich ein neues. Denn es muss seltsam sein in dieser Welt zu leben, so gänzlich ohne Gesicht. Andererseits sieht man sie öfter. Auch ausserhalb Perus. Auch in Deutschland: Menschen ohne Gesicht, wie Geister umgeben sie uns. Aber in dieser Welt wirken sie noch konturenloser. Man findet keine klaren Umrisse, man findet nur die Überreste von Schatten. Schatten der Angst, der Trauer, der Korruption und einem flüchtigen Wunsch nach Hoffnung. So ziehen sie einer nach dem anderen über uns hinweg. Auch über mich. Rauben Gesichtern die Freude, die wir achso mühsam schminken, um manch Realität zu verzieren… sie zu verschönern. Nun, ihr müsst wissen, in Peru trägt sich diese Schminke nicht so gut. Nicht so einfach. Sie wäscht leicht ab, lässt sich verschmieren. Drum weine nicht, Peru. Denn jede Träne, die man weint ist wie Säure. Sie penetriert den seelischen Frieden, den Schleier aus Trug und Schein; sie beschleunigt den Prozeß bei dem man sein Gesicht verliert. Und dann ist man gesichterlos. Darum lachen die Menschen hier so viel. Sie dürfen nicht weinen. Denn zu dünn ist der Schritt in ihre grausame und triste Realität. Ich höre ihr Klagen, ich sehe ihren Zweifel und ich spüre ihre Angst. Die Angst davor, verloren zu gehen. Jede Träne, ein Schritt näher an eine gesichterlose Existenz. “Drum weine nicht”. Auch Du?! Wer möchte schon gesichterlos sein? Lasst uns lieber lachen. Denn Tränen sind die Realität. Und diesen Schritt vermag Peru noch nicht zu wagen! Lache Peru… lache, bis sich die Söhne und Töchter finden, die das Trösten verstehen.

Der Bus steckt fest, denn sein Körper liegt quer. Möglicherweise war er ja auf der Suche nach etwas… Leben… Freiheit?… hier auf der Straße und wurde dann ganz überraschend und unbeabsichtigt überfahren… Der Bus versucht irgendwie an ihm vorbeizukommen, denn Zeit ist knapp… auch hier in Peru… vor allem dann, wenn es die Realität betrifft. Aber unmittelbar neben der Straße befindet sich ein Graben und da kommen wir nicht dran vorbei. Dann eben doch warten. Irgendwie wird sich die Leiche doch heben lassen. “Vielleicht doch eher der Graben?”, würde ich gerne schreien. Aber die anderen schlafen ja. Warum bin ich eigentlich noch wach? Ich liebe es aus dem Fenster zu blicken: Landschaften, Himmel, Autos und Menschlein beobachten. Aber irgendwie hält sich heute das Vergnügen in Maßen. Und obwohl es Nacht ist, lassen sich die Dinge sehen, aber irgendwie wirkt es… tot. Hm… “was der wohl wiegt?”, frage ich mich. Es darf doch nicht so schwer sein, diesen Körper auf die Ladefläche zu heben. Bitte! Sei es drum: Kopf schlägt auf. Leib liegt auf der Ladefläche. Seltsam klingt das. So seltsam, wie auch sein Gesicht aussieht… irgendwie entstellt, zertrümmert, eher platt, augen… fromlos; auch einige Körperteile liegen nicht so recht in ihrer gesunden Form. Wenn ich genauer hinblicke, dann sehe ich… doch weißes Tuch geworfen endlich über geschundenen Körper. Und ersparen mir die Einzelheiten einer seltsamen Realität.

Denn diese Realtiät ist nah. Sie ist genau vor mir. Greifbar. Wenn da bloß nicht diese Scheibe wäre. Ich hätte mir gewünscht seine Augen zu sehen. Zweifellos werde ich ihnen in meinen Träumen begenen, denn unser Gespräch war noch nicht beendet. Er wollte mir noch sagen, warum Peru so grausam ist; warum der Tot mehr Freiheit verpricht als das Leben; wo seine Familie lebt; was sein Herz erkalten ließ und ihm die Hoffnung raubte; warum gesichterlos nicht geschichtenlos bedeutet. Er wollte mir noch sagen, dass es alles so anders sein könnte, wenn alles in Peru so anders wäre. Er wollte mir sagen, an wen er sein Gesicht verlor. Doch der Mann ohne Gesicht blickt augenlos, spricht ohne Worte, hört betäubt, fühlt ohne Sinne, riecht ohne Verstand, schmeckt frei von Zweifel, liebt ohne Herz und lebt für einen Grund: Freiheit. Er findet sie nicht im Leben, sondern erkennt sie in seinem Tot…

Der Bus fährt weiter. Weiter in diese dunkle Nacht. Eine Nacht, die mir mt ihren Geschichten noch dunkler erscheint, als je zuvor. Und mit jedem Meter der Entfernung zu dem Ladewagen, verblassen die blinkenden Lichter und mit ihnen ihre Erinnerung. Konturen verschwimmen: Die Konturen einer Straße, die Konturen einer Landschaft, die Konturen eines Himmels, eines Landes, einer Welt und eines Tages wohlmöglich auch die Züge eines Gesichtes, das ich einst sah… und mit ihr die Gedanken an eine traurige Geschichte…