Meditative Anmut (Teil3)

By namot

Es fällt mir schwer das eben gesehene aus meinem Kopf zu verdrängen. Wie sie seinen blutüberlaufenen Körper auf das Ladeheck des Lasters gelegt und ihn sorglos mit einem weißen Lacken bedeckt hatten. Eine Reinheit, die schon bald erneut ihre roten Spuren hinterlassen würde. In dieser Nacht wird mir so manches bewusst. Ich gestalte einen Gedanken, der ein Rätsel zu lösen versucht bei dem es um Armut, Tot, Vergessen, Ignoranz und Menschsein geht. Aber irgendwie lassen sich die Puzzelteile nicht so einfach fügen. Ich glaube etwas zu verstehen, als der Bus erneut abrupt stehen bleibt und mir diesen Verstand raubt: Glassplitter liegen zerstreut auf einer nur schwer befahrbaren Straße; Im Augenwinkel sehe ich einen überschlagenen Lastwagen, der die Gegenfahrbahn blockiert; 2 Autos liegen quer; ihre Scheiben zertrümmert; Obst, Gemüse, Brot, Milch und Dosen zerstreut; nur in Ansätzen erkenne ich durch die beschlagene Scheibe meines Busfensters die rastlose Menschenmenge, die wie benommen über den Asphalt schleicht und einzelne Gegenstände auf- und wieder niederlegt. Ich höre kein Schreien, aber der Anblick allein reicht aus, um mir das Leid und die mit dem Unfall verbundenen finanziellen und familiären Konsequenzen für diese Menschen auszumalen.

Die Luft ist stickig in diesem doch recht stark heruntergekommenen Bus, der mich nun schon seit 6 Stunden durch die Nacht einer karge Landschaft manövriert. Ich sitze eng, erdrückt von dem ständigen Stimmengewirr und Flimmern des Fernsehers, der sich mittig, oberhalb der Fahrerseite befindet. Das Ziel: Lima. Mir und den anderen 70 “Insassen” stehen noch weitere 8 Stunden anstrengende Fahrt bevor.

Der Bus steht, öffnet seine Türen, und einer nach dem anderen betreten sie den Bus. Es entsteht Aufruhr; Fragen werden gestellt und nur müßig beantwortet. Denn die “Neu -Hinzugestiegenen” suchen ihre Ruhe und ihren Schlaf. Das Blut in ihren Geischtern, die Schrammen an den Armen und die ansatzweise zerrissenen und verschmutzten Kleider bedecken den Schrecken, den sie in dieser Nacht wohl erlebt haben müssen. Scheinbar von Schmerz und Entsetzen verstummt, setzen sich einige der Verletzten auf den Boden, andere auf die Schöße bereits Sitzender. Liebevoll und fürsorglich versorgt eine Mutter de Schnittwunde ihres wohl 3 jährigen Kindes, das völlig ruhig mit einer fast meditativen Anmut ihrer Mutter in die Augen blickt. Ihr Hemd von Blut durchtränkt im Brust- und Ärmelbereich. Keine Tränen; Kein Wimmern oder Schluchzen. Ich bewundere die stoische Ruhe die die Verletzten an diese Nacht legen, wenn sie mich auch gleich ein wenig erschrickt. 6 Männer, 4 Frauen und 5 Kinder tragen nun alle ihre eigene “Geschichte der Nacht” in sich. Und ich die meine.

Der Bus fährt weiter. Es ist laut und ich verschließe meine Augen. Weil ich es nicht sehen will? Weil ich es nicht hören will? Weil ich es nicht sprechen will? Weil ich es satt habe? Immer wieder so vieles sehen zu müssen, was doch besser verschwiegen bliebe? Weil ich hier nicht mehr sein möchte? Oder weil ich einfach nur müde bin? Weil ich erschöpfe? Weil ich schlafe? Weil ich zumindest schlafen möchte? Denn ein müdes Lächeln setzt sich auf meine Lippen und mit ihm die Ohnmacht eines Traumes: In 8 Stunden schließen sich die Pforten dieser Geschichte. Dann erreiche ich Lima, sattel mein Gepäck, beende diese einmonatige Reise und laufe durch die Strassen einer vertrauten Stadt. Dann bin ich frei, verschont von An- oder Ausblicken, die ich manchmal gerne erblinden lassen würde. Lima! Du bringst mir wieder meine Ruhe… frei von Blut… nicht wahr?!

Ich schlafe ein ohne zu wissen, dass ich mich schon bald täuschen werde. Denn auch Lima wird mir diese Ruhe ohne Blut nicht schenken können… weder heute noch morgen.

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