So wiederholen sie sich… immmer wieder von neuem… die kleinen Geschichten. Auch die der anderen: Die der Liebe, jene der Freundschaft, manche der Trauer und andere des Glücks. Ich schmunzel bei dem Gedanken, dass sie ja doch immer gleich bleiben und nur ihre Farbe verändern: mal heller, mal dunkler.
Dennoch, bleibt Rot in diesem Fall nicht immer Rot? So wie dieses vor mir. Es wirkt dunkler als das vorherige… aber letztendlich trägt es den gleichen Inhalt: Blut. Und Blut ist Leben. Und verbluten bedeutet tot. Was macht es da schon für einen Unterschied, ob das Blut heller oder dunkler ist.
Jetzt zumindest wirkt es auf einer leeren Straße in einer kalten Nacht recht dunkel. Daran kann auch nichts die flackernde Laterne ändern, die auf der “Avenida Dos De Mayo” leicht versetzt hinter mir meinen warmen Schatten auf den leblosen Koerper vor mir wirft. Es fahren keine Autos und irgendwie ist es bedächtig ruhig. Endlich. Ruhe in Lima. Wie gut das tut. Doch ich kann mich meiner Neugierde für diesen Anblick nicht entziehen. Zäh läuft das Blut und schleicht sich sanft über ein Stück weißes Haupt aus einer Schnittwunde seines Schädels. Ich spüre keine Übelkeit, verspüre weder Mitleid, noch bin ich schockiert; eher fasziniert. Eine Mischung aus Ruhe und Verzweiflung. In regelmäßigen Abständen beobachte ich die nun rhytmisch auftretetenden Zuckungen, des am Boden liegenden etwa 40 jährigen dunkelhäutigen Mannes. Die Menschen um mich stehen paralisiert hinter mir. So als wollten sie sich vor einer Wahrheit schuetzen, die dieses Land irgendwann an Trauer und Umbruch verraten muss. Hätte ich eine Kamera; wie wundervoll man dieses Gefühl von Ohnmacht, Angst und Zweifel eines Volkes nun dokumentieren koennte. Ich trage sie nicht bei mir und gebe mich daher mit Worten zufrieden.
Er sei wohl überfallen, mit einer kaputten Glasflasche von hinten in den Kopf gestochen und dann ausgeraubt worden. Ich würde gerne helfen. Wirklich. Bilde mir ein, es tun zu koennen. Doch ich setze ein paar Schritte zurück und beobachte reglos den weiteren Ablauf der Dinge: Polizei und Ambulanz erscheinen, um erste lebensrettende Maßnahmen zu ergreifen; das schwer atmende und konfus redende Opfer wird notdürftig verpflegt, auf einer Tragebarre verschnürrt und in die Ambulanz getragen. Sie fährt. Ich stehe weiter. Die Polizei? Keine Fragen, keine Fallbearbeitung. Auch sie geht. Ich stehe weiter. Zurück bleibt nur eine Spur von rotem “Eisen-Hämoglobin-Gemisch”, dass sich behutsam und durchaus mühevoll seinen Weg in den körnigen und unreinen Asphalt einer Hauptstraße in Lima bahnt. So wie schon viele andere Male zuvor.
Das Blut, egal welches Rot es wohl nun tragen möge, währt nicht lange. Diese Straßen bleiben grau, auch wenn ich denke, dass es besser wäre, sie länger rot zu lassen. Dann könnten wir uns daran erinnern, wie kurzlebig und wertlos ein Leben hier sein kann. So reinigen Korruption und Gleichgültigkeit jegliche Spuren und machen Platz für neue Wunden: Frauen, Männer, Kinder und Tiere… die diese Stadt fast täglich in einen neuen roten schimmernden Glanz versetzen. Lima ist eben bunt, mit prächtigen Farben und schoenen Kindergeschichten.
Ich denke einen spannenden Gedanken, denn hier gibt es viele dieser kleinen Geschichten und setze meinen Heimweg fort, der in 20 Minuten in meinem kleinen Zimmer auf einer Terasse in San Isidro, Lima sein friedliches Ende nehmen wird. Und wenn nicht, dann lasst mich euch davon erzaehlen…
Tags: Geschichten, Lima, Realität, Rot