Hinter blassem Grün, gesprenkelt mit vereinzelt kleinen Blüten, versteckt sich sein Fuß. Nervös zupft er an den Resten eines Sockens, der wohl irgendwann mal seinen Nutzen als “wärmender Stoff” hatte, und jetzt wohl eher als gewohnte Beruhigung dient. Denn ich spüre seine Nervosität und versuche nachzuempfinden, wie es sich anfühlt. Er bezeichnet mich als seinen Erlöser und meine Begleiter als Geister und Diener meines Reiches. Er bittet mich, ihn zu erlösen und gesund zu machen. Mein weißer Kittel versetzt mich in einer Art Immunität, denn ich zeige keine Reaktion auf seine Anrede. Meine Kommillitonen belächeln den Vorfall, nachdem wir die Psychatrie verlassen. Es ist kalt hier. Und sehr arm. Und in diesem Vorbezirk von Lima erscheint alles noch viel kälter. Die Psychatrie ist die Stiftung eines japanischen Arztes und die größte Psychatrie Perus. Eine Stunde hat unser Professor den “Patienten” interviewed. Doch ich verstehe nicht, worüber man lachen sollte. Und manchmal frage ich mich in dieser “3.Welt”, die so klare Grenzen zwischen arm und reich (normal und verrückt) zieht, wer oder was hier eigentlich krank ist?!
Die Gischt spritzt mir ins Gesicht. Salzig. Kühl. Und ich atme tief und klar. Mit jeder Welle zieht das Meer erneut Steine mit in sich hinein. Man sitzt hart. Aber ich spüre Freiheit. Wie das Atmen so rauscht das Wasser diesen Strand hinauf und dann wieder ab. Die Steine kullern mit und irgendwie klingt es, als würden sie kleine Geschichtchen dabei erzählen. Es wirkt beruhigend hier zu sitzen. Es gibt auch keine Haie. 2 Stunden lang. Gulianna sagt mir, dass dies ihr Lieblingsort sei. Sie ist 25. Diesesmal kann ich das Gefühl nachvollziehen.
Roberto kann die peruanische Unpünktlichkeit nicht ertragen. Sie ist ihm hinderlich und bremst den “Fortschritt”. Er verbringt viel Zeit mit Lesen. Er studiert mit mir Psychologie. Und scheint mir, jemand besonderes zu sein. Doch er stellt sehr viele Fragen…und dann erinnert er mich irgendwie an mich.
Monika möchte mir gerne ihr Lieblingsrestaurant zeigen. Sie ist Köchin und mit 22 Jahren schon jetzt eine sehr interessante Persönlichkeit. Kolumbien ist ihre Heimat. Sie hat das größte Zimmer in Amaru…vielleicht auch das größte Herz?
Schreibt man Schweigen mit “Das” oder “Der”. Für einen kurzen Moment erschrick ich, denn ich weiß es nicht. Das Spanische beginnt meine Gedanken zu penetrieren. Hin und wieder ertappe ich mich, wie ich spontan auf spanisch denke. Schon sehr lange erscheint es mir, dass ich zuletzt, deutsch gesprochen habe. Doch es ist besser so. Doch wann endlich werde ich Jose (der Professor, der mich zum Essen eingeladen hat) verstehen. er spricht so schnell, dass die Peruaner ihn teilweise nicht verstehen können. Er ist meine größte Prüfung!
Für eine Packung Reis durfte ich heute ein Theaterstück von Garcia Lorca (spanischer Dichter) sehen. Interessant. Es ist für die Erdbebenopfer. Hier gibt es Hin- und Wieder noch kleine Nachzügler. Das Theaterstück. Diese Theaterbühne an der Universidad de Lima ist sehr angesehen. Viele der Darsteller erhalten hier ihre ersten Engagements fürs Fernsehen. Es war anstrengend…Zu viel Konzentration. Aber es tut gut, die Kultur spüren zu können.
Warum ich das Schreibe? Weil ich so vieles Anderes noch schreiben könnte. Mir die Worte aber fehlen. Mein Geist zerstreut ist. Und es immerhin 1 Monat 2 Tage und 12 Stunden sind: 5. 30 Uhr, Lima. Lorena holt mich vom Flughafen ab, bringt mich in mein neues trautes Heim. Ich schlafe 4 Stunden. Begegne Vasco, dem Inhaber. Esse. Erlebe einen Überfall. Sehe die Stachelzäune und Elektrodrähte. Männer mit Waffen vor Häusern. Es ist laut. Es ist schmutzig.
Und heute. Me encanta! Aca es mi possibilidad a vivir una vida, che va a ayudarme a encontrar me mismo. Tal ves…una dia yo entendere, quin yo soy. Con suerte, pero lo mas importante con amor.
Ich vermisse zu hören, wie der Regen klingt, wenn er gegen die Scheibe peitscht… das Rauschen der Blätter, wenn der Wind sich seinen Weg hindurchbahnt. Wie es sich anfühlt, wenn die Sonne auf die nackte Haut fällt. Wie ich mich freuen würde, den Schnee zu schmecken.
Ich liebe den Verkehr von Lima! Aber noch vielmehr liebe ich etwas anderes…nämlich sie!
Verstehst Du?!
