“Sie sind ja noch Kinder”, sagt er zu mir, während wir den hellen Seminarraum verlassen. Gerne nehme ich die Einladung zum Mittagessen an. San Jose, mein Professor, spricht deutsch mit mir. Ich spanisch mit ihm. 5 Jahre seines Lebens habe er in Würzburg gelebt, um dort seine Doktorarbeit zu machen. “Ein besonderer Ort”, seiner Meinung nach. Anders als Lima: Das Studieren sei dort günstiger und mehr auf Forschung ausgerichtet gewesen. Denn hier in Lima herrscht ein anderes Verhältnis zwischen Student und Professor. Die Finanzierung ist hauptsächlich auf die Lehre und weniger auf die Forschung ausgerichtet. Zur Freude der Studenten. Denn der Umgang zwischen “Lehrer” und “Schüler” an der Universität ist sehr viel persönlicher, fast freundschaftlich, unkomplizierter und lebendiger. Allerdings zur Trauer manch eines Professors. Denn diese würden gerne mehr Zeit in die Forschung investieren und die dafür notwendigen finanziellen Mittel verfügbar haben.
Mit 16 beginnen viele hier zu studieren und sind somit mit 22 ausgebildete Psychologen, die bereits ein volles Jahr Praktikum absolviert haben müssen, bis sie sich als solche bezeichnen dürfen.
Universität ist das Statussymbol hier: Uni bedeutet Arbeit. Die Arbeit definiert die soziale Klasse. Die Klasse das Überleben. Denn der Absturz nach unten geht sehr schnell. Und vorbeugen kann man nur mit einer “herausragenden” Ausbildung. Somit sind alle, die können, bemüht Schule und Studium schnellstmöglich zu vervollständigen. Die persönliche Reifung geht dabei, nach Meinung meines Professors, zu großen Teilen verloren. Viele erkennen erst nach Beendigung ihres Studiums, wer sie sind und was sie wirklich wollen.
Und irgendwie finde ich eine Antwort auf eine kleine Frage. San Jose verabschiedet sich nach unserem 2-stündigen Gespräch von mir und bittet mich, ihn doch mal in nächster Zeitzu besuchen. Und während ich darüber nachdenke, wie anders so viele Dinge hier sind, blicke ich verträumt auf den großen Kreiselverkehr unter mir in 40 Meter Tiefe. So unglaublich viele Autos. Ihre Hinter-und Vorderleuchten blitzen ständig auf und ab. Das Hupen und das Schreien Herumfahrender und -laufender penetrieren das Glasgehäuse dieses besonderen Restaurants mit Ausblick über eine Stadt, dessen Zauber ich noch verstehen muss:
Es wird gerast und jeden Moment sollte es einen Unfall geben. Denke ich. Sehe es aber nicht. Menschen laufen quer durch den Verkehr. Autos mit 60 bis 120 kmh fahren durch diesen Kreisel. Alle mit einem anderen Ziel, mit einer anderen Geschwindigkeit. Und ganz egal, wie knapp die Autos und Menschen aneinender vorbeirasen. Nichts passiert. So ist auch diese Stadt und ihre Menschen: Schnell, chaotisch, knapp, laut und trotzdem bedächtig, respektvoll und glückselig. Wie auch diese Universität:
Meine Gedanken schweifen ab: Paracas, Pisco…die Menschen und Häuser. Ich hätte Trauer erwartet. Aber es hat sich alles sehr viel anders angefühlt…


