Archive for August, 2007

Universidad de Lima

August 28, 2007

“Sie sind ja noch Kinder”, sagt er zu mir, während wir den hellen Seminarraum verlassen. Gerne nehme ich die Einladung zum Mittagessen an. San Jose, mein Professor, spricht deutsch mit mir. Ich spanisch mit ihm. 5 Jahre seines Lebens habe er in Würzburg gelebt, um dort seine Doktorarbeit zu machen. “Ein besonderer Ort”, seiner Meinung nach. Anders als Lima: Das Studieren sei dort günstiger und mehr auf Forschung ausgerichtet gewesen. Denn hier in Lima herrscht ein anderes Verhältnis zwischen Student und Professor. Die Finanzierung ist hauptsächlich auf die Lehre und weniger auf die Forschung ausgerichtet. Zur Freude der Studenten. Denn der Umgang zwischen “Lehrer” und “Schüler” an der Universität ist sehr viel persönlicher, fast freundschaftlich, unkomplizierter und lebendiger. Allerdings zur Trauer manch eines Professors. Denn diese würden gerne mehr Zeit in die Forschung investieren und die dafür notwendigen finanziellen Mittel verfügbar haben.
Mit 16 beginnen viele hier zu studieren und sind somit mit 22 ausgebildete Psychologen, die bereits ein volles Jahr Praktikum absolviert haben müssen, bis sie sich als solche bezeichnen dürfen.

Universität ist das Statussymbol hier: Uni bedeutet Arbeit. Die Arbeit definiert die soziale Klasse. Die Klasse das Überleben. Denn der Absturz nach unten geht sehr schnell. Und vorbeugen kann man nur mit einer “herausragenden” Ausbildung. Somit sind alle, die können, bemüht Schule und Studium schnellstmöglich zu vervollständigen. Die persönliche Reifung geht dabei, nach Meinung meines Professors, zu großen Teilen verloren. Viele erkennen erst nach Beendigung ihres Studiums, wer sie sind und was sie wirklich wollen.

Und irgendwie finde ich eine Antwort auf eine kleine Frage. San Jose verabschiedet sich nach unserem 2-stündigen Gespräch von mir und bittet mich, ihn doch mal in nächster Zeitzu besuchen. Und während ich darüber nachdenke, wie anders so viele Dinge hier sind, blicke ich verträumt auf den großen Kreiselverkehr unter mir in 40 Meter Tiefe. So unglaublich viele Autos. Ihre Hinter-und Vorderleuchten blitzen ständig auf und ab. Das Hupen und das Schreien Herumfahrender und -laufender penetrieren das Glasgehäuse dieses besonderen Restaurants mit Ausblick über eine Stadt, dessen Zauber ich noch verstehen muss:

Es wird gerast und jeden Moment sollte es einen Unfall geben. Denke ich. Sehe es aber nicht. Menschen laufen quer durch den Verkehr. Autos mit 60 bis 120 kmh fahren durch diesen Kreisel. Alle mit einem anderen Ziel, mit einer anderen Geschwindigkeit. Und ganz egal, wie knapp die Autos und Menschen aneinender vorbeirasen. Nichts passiert. So ist auch diese Stadt und ihre Menschen: Schnell, chaotisch, knapp, laut und trotzdem bedächtig, respektvoll und glückselig. Wie auch diese Universität:

Meine Gedanken schweifen ab: Paracas, Pisco…die Menschen und Häuser. Ich hätte Trauer erwartet. Aber es hat sich alles sehr viel anders angefühlt…

EinBlick in mein Einblick

August 21, 2007

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Ich atme aus. Vor mir haucht sich ein weiterer Augenblick in Form von Qualm aus. Schleier aus Dunst vor meinen Augen. Schleierhaft erinnert es mich an etwas. Aber das nur nebenbei. Dies ist also mein Moment. Ich sitze. Es ist spät. Hier in Lima. Ich sitze in diesem Sessel und erlebe einen besonderen Moment. Ich zünde mein Zigarillo, denn das tue ich, wenn ich mich nach einem besonderen Moment fühle. Mein Herz lächelt. Mein Geist entspannt. Es war ein wundervoller Tag. Schade, dass die Sonne hier nicht scheint. Der Besuch am Meer wäre noch traumhafter gewesen. So viele Bilder darf ich hier ersehen. Ein Stück Welt erleben, die ich nie wieder sehen werde. Und ab Februar scheint dann auch in Lima wieder sie Sonne.

Bei Kerzenschein sitze ich hier. Maite, eine Spanierin, ist soeben ins Bett gegangen. Sie durchlebt eine Art frustrierenden Moment. 31 Stunden die Woche Uni. Das stört sie. Vor allem, wenn sie tagtäglich miterleben muss, wie ich nur 8 Stunden die Woche in die Uni gehe. Aber…”whatever brings you closer to your reality”.

Der Sessel ist weich in dem ich sitze. Er hat ein gestricktes peruanisches Muster: Linien verschiedenfarbig legen sich nebeneinander und umranden seltsam wirkende Muster aus Karos und Schlangen. So sitzen wenige hier. Aber irgendwie lebt es sich hier anders. In Lima. Vielleicht ist es dann auch egal worauf man sitzt. Man steht ja auch anders. Man redet anders. Man denkt anders. Und. Man lebt anders. Schon seltsam, wie schnell ich mich an diesen Rhytmus gewöhnen konnte. Aber der Mensch ist ja auch ein Spezialist im Nichtspezialisiertsein. Sagt mir mein Studium.

Kerze zu meiner rechten. Aber schreiben kann ich trotzdem, obwohl es recht dunkel ist in diesem Zimmer. Jetzt wo ich das Licht ausgemacht habe, verfalle ich in eine kleine Welt. Ich beschriebe sie gerade. In Pisco sind Kerzen das einzige Licht, das man hat. Kein Strom. Dafür aber ein Erdbeben. Tote. Hier in Lima gibt es überall Sammelstellen. So zahlreich wie es Stellen gibt, gibt es auch gespendete Waaren: Wasser, Essen, Kleidung, Geld und Hin und Wieder ein Zeichen von Nächstenliebe.

Ich puste die Kerze aus. Meine Zigarillo ist zu Ende geraucht. Meine Augen werden müde. Ich freue mich auf mein Bett. Denn es ist bequem. Und wenn ich dann morgens aus meinem Fenster blicke, sehe ich unseren Hauswächter. Ein guter Mann mit klarem Herzen.

Donnerstag wird gut sein. Wir fahren irgendwo hin und werden dort irgendwem helfen. 5 Tage helfen. Wie das wohl sein wird, frage ich mich. Ich erahne eine Antwort. Aber aussprechen möchte ich sie nicht.

Warm ist mein Herz. Hier in diesem Sessel. In einer kleinen Welt voller Geschichten. In diesem Irgendwo von Lima.

Ein letzter Zug an meinem Zigarillo. Und. Aus.

Erdbeben

August 16, 2007

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Schweige…Schreie…Denke…Bereue….Renne…Fühle

Aber bleibe!

Es bleibt unbedeutend, denn Du bist da und siehst und spürst und weisst: entkommen kannst Du nicht! Nur hoffen und fühlen, wie Dein Herz schneller schlägt. Es will hüpfen aus Deiner Brust. Doch Du lässt es nicht. Nein! Ich lasse es nicht. Stattdessen versuche ich ihn einzufangen. Diesen Moment. Der Moment der Unklarheit, Verunsicherung, Spannung, Freude und Überraschung, der sich langsam an ein quälendes und atemraubendes Gefühl von Angst schmiegt. Ich warte und merke wie ich Teil dieser Angst werde, die anfangs nur ein Teil von mir war.

Tränende Augen, verschreckte Gesichter und Chaos vermischt mit stoischer Ruhe umgeben mich. Nehmen mich ein. Zwingen mich, an dem Geschehn teilhaben zu müssen. Ich darf nicht loslassen. Mein Geist fesselt mich. Suchende Stimmen, Schreie und Panik penetrieren den Boden, mich und meine Umgebung. “Ach?”…Ich werde mir bewusst:

Dies ist ein Erdbeben. Wenn der Boden unter Deinen Füßen wackelt, Menschen nervös davonrennen, schreiend und verängstigt nach ihren Kindern suchen. Ich suche Halt. Doch wo? Woran halten, wenn doch alles, an das Du Dich hälst, Teil des Bodens ist, der wackelt? Plötzlich! Alle werden gleich. Jetzt sind wir eins: Die Reichen und auch die Armen…die Alten und auch die Jungen…die Lebenden und auch die Toten? Jetzt erleben wir alle das gleiche. Und sehen das Gleiche. Ein Ende? Einen Tod? Schön ist das. Dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das man sooft vergisst und vernachlässigt. Doch diese Erkenntnis ist nur von kurzer Dauer. Meine Gedanken werden aus ihrer Ruhe gerissen:

Ich stehe da. Festgefahren. Denn wohin des Weges soll ich schon rennen. Es gibt keine Zuflucht. Oder vielleicht jetzt doch? Gott? Liebe? Nichts? Ob das auch die anderen Menschen, die mich zu Hunderten, gar Tausenden umgeben, denken. Sie halten sich!…fest?…bereit…für…den Tod. Man riecht ihn ein bisschen. Er ist überall. aus den Poren der Menschen. Und sehen tut man ihn. In jedem Gesicht. Unterschieldich stark blickt durch kleine und auch große Augen aus ruhenden und entstellten Gesichtern der Tod. Doch es ist weder ein scharfer Geruch noch ein strenger Anblick. Unangenehm- ja, aber irgendwie vertraut. Zumindest für mich. Ich fühle mich ruhig und klar. “Es wird gut gehen”, sagt die Stimme. ” Sei geduldig, Deine Zeit ist für einen andern Ort bestimmt”. Getrost neige ich meinen Geist und finde zu mir zurück:

War das Tod? War ich dem Tod nah…

weil 200 Meter von mir entfernt 25 Menschen in einem zusammengebrochenen Haus gestorben sind weil auf der anderen Seite des 100 Meter breiten Flusses, an dem ich stand, ein Haus in Flammen aufging weil bis zum jetzigen Moment 600 Menschen gestorben, 12.000 Menschen obdachlos und weitere 1000 verängstigt sind weil neben mir eine Straße aufriss und sich vor meinen Augen zu erheben begann? War ich dem Tode nahe, weil andere noch näher waren? Bin ich dem Tode nah, weil andere es sind?

Hier in Lima sind die Menschen ausser sich….anfangs merklich… später weniger. Aber die zerrüttete Stadt trabt weiter in ihre (g)raue Gegenwart: Hektisch, laut und schmutzig, aber dennoch liebevoll und warm. Mir geht es gut. Ich habe keine Angst. Doch viele andere werden es haben müssen…

Denn für mich war dies eine Erfahrung, für andere der Schritt in den Tod.

Es nieselt leicht in dieser merklich kalten Winternacht. Rötlich legt sich ein trauernder Scimmer über die kargen Dächer und Terrassen dieser Stadt. Können wir diese karge Unruhe beruhigen? Amaru (unsere Wohngemeinschaft) weiss es nicht. Dennoch: nächstes Wochenende wollen wir Hilfe leisten. In Pisco. Es muss gebaut werden. Haus und Geist lassen nicht auf sich warten. Ruhe soll ihren Platz wieder finden!

 

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

August 7, 2007

Hier bist also nun Du. So wie ich ?

Tauchen werde ich in eine andere Welt. So wie Du ?


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Bilder strömen ein. So wie meine Gedanken. Auch sie fallen nicht geordnet. Sie legen sich nicht still und schweigsam Bild an Bild vor mein inneres Auge. Sie fallen ins Schwarze und Verborgene. Sie verwirren mich, stören und erschrecken mich… sie verzaubern mich! Und irgendwann werde ich sie fein säuberlich und klar in meinem Herzen tragen können.

Deshalb bin ich hier!

Es erscheint mir wie ein geqäultes Krümmen meiner Seele. So vieles musste und durfte ich in den letzten Monaten erleben… vielleicht doch eher erleiden. So viele Entscheidungen, Ängste, Fragen, Erkenntnisse und Wünsche. Ein Marathon erfüllt von einem ständigen Auf und Ab an Emotionen, die sich nun längst nicht mehr greifen und beschreiben lassen.

“Wohin des Weges?”, war die Frage, die mir mein Geist stets vor mein inneres Auge hielt. Mein Geist war besessen von dem Gedanken, mir keine Ruhe gönnen zu wollen. Zumindest dachte ich das. Aber es ist nicht so. Ich allein bin verantwortlich für meinen Geist und seine Gedanken, definiere den Weg, treffe die Entscheidungen und kreiere somit auch die Gefühle.

Ich sehe einen Weg, der sich von meinem bisherigen unterscheidet. Er ist ruhiger und klarer, er ist besser, denn er ist bewusster und “fairer” … er ist irgendwie anders aber gut so!

So heisst es nun, Abschied nehmen. Denn auch wenn es so erscheint, als hätte ich mich schon bei der Bewerbung für mein Stipendium für diesen Auslandsaufenthalt entschieden, so war ich mir dennoch nie sicher, ob ich es wirklich will. Und es ist sehr schwer, eine Entscheidung zu spielen, die Kraft zu finden, sie zu investieren und zu erhalten, wenn diese Entscheidung doch eher einem grob umrissenen Schatten, als einem klar definierten Gedanken gleicht.

Der Schatten huscht durch meinen Geist, doch ich kann die Umrisse nun deutlicher sehen, denn ich habe mich entschieden. Endlich. Und nun lasse ich mich Abschied nehmen:

Ihr seid herzlich eingeladen, mich zu begleiten…auf meiner Reise!?

“Denn in Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne” (Hermann Hesse, Lebensstufen) und so möchte ich auch diesen meinen kleinen Zauber an dieser Stelle beginnen lassen…

HeX! HeX!